Sollten wir nicht auch mal zufrieden sein?

Eine Aussage, dir mir häufig begegnet – sei es in Gesprächen mit Familie oder Freunden/Bekannten, oder auch in den Medien – lautet in etwa so: „Man muss ja auch mal zufrieden sein!“. Jedes Mal sträubt sich etwas in mir, wenn ich diesen Satz höre. Denn obwohl er generell auch eine wahre Seite an sich hat, so wird er doch meist in einem anderen Kontext verwendet.

Und dieser Kontext geht meist so: eine Person merkt, dass sie sich – tief in ihrem Inneren – eine Veränderung wünscht. Dass irgendein Bereich im Leben dieses Menschen (mehr) so läuft, wie dieser sich das eigentlich wünschen würde. „Eigentlich“ meint: Wenn er oder sie wirklich ehrlich zu sich selbst wäre.

Und dann passiert das, was leider so häufig passiert. Der Wunsch nach Veränderung erscheint zu groß, zu beängstigend. Der Mensch müsste zu sehr aus seiner Komfortzone ausbrechen, um eine solche Veränderung umsetzen zu können. Schon bei dem Gedanken daran traut er sich das nicht mehr zu. Und dann kommen, quasi um ihn zu besänftigen, um ihm Gefühle des „Schon-im-Vorhinein-Scheiterns“ sofort zu nehmen, solche Gedanken: „Aaaach. Eigentlich ist doch alles gut! Also wirklich. Ich kann doch auch mal zufrieden sein. Andere haben noch nicht mal genug zu essen. Und ich beschäftige mich hier mit solchen Luxusproblemen. Also – da muss man doch wirklich auch mal zufrieden sein.“ Fast schon wie ein Mantra werden diese Aussagen dann immer und immer wieder zu sich selbst gesagt.

Und das ist der Grund, warum ich solche Sätze nicht mag. Denn obwohl auch etwas Wahres daran ist – schließlich ist es unglaublich wichtig, für die Dinge dankbar zu sein, die man hat – so sind sie doch meist eine Ausrede dafür, nicht losgehen zu müssen. Sich nicht trauen zu müssen. Es sich im „good enough“ bequem zu machen und nie zu erfahren, wieviel besser es sein KÖNNTE. Wieviel Potential im Leben steckt und was es bedeuten kann, ein wirklich erfülltes Leben zu leben.

Übrigens, analoge Aussagen sind: „Man kann schließlich nicht alles haben“ oder „Das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert“. Wirklich – wann immer ich diese Sätze höre, möchte ich am liebsten laut rufen: „DOCH, DOCH, DOCH! Du darfst mehr wollen, du darfst alles haben, du musst nicht ‚auch mal‘ zufrieden sein, wenn du es doch in deinem Innersten gar nicht bist!“.

Ich sage nicht, dass es ein einfacher Weg ist. Das ist es sicher nicht, und deshalb schützen sich viele davor, ihn überhaupt zu beginnen, in dem sie sich ein solches Mantra sagen. Aber man sollte sich immer fragen, was der Preis und was der Gewinn einer solchen Denkweise – ich möchte fast sagen „Lebensweise“ – ist.

Im Falle der „Man muss auch mal zufrieden sein“-Lebensweise, was ist hier der Gewinn?
Sicherlich ein auf eine gewisse Art bequemes Leben. Man geht Herausforderungen aus dem Weg, man bleibt in seiner Komfortzone. Dort kann man sich schön einnisten und wahrscheinlich ein „okayes“ Leben leben. Was ist ein „okayes“ Leben? Ein Leben ohne zu starke Schwankungen nach oben wie nach unten. Zumindest ohne bewusst gewählte starke Ausschläge nach unten (denn Schicksalsschläge können natürlich nicht ausgeschlossen werden). Aber eben auch ohne zu starke Ausschläge nach oben.

Und hier wären wir dann schon beim Preis: Was zahlt man für seine Bequemlichkeit? Man zahlt mit dem Verzicht auf richtige Hochs. Auf Glücksmomente. Auf Momente des Stolzes. Auf Glückseligkeit. Im Endeffekt büßt man einen hohen Grad an Glück und Lebenszufriedenheit ein. Nun muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er diesen Preis bereit ist zu zahlen. Ob hier das „Preis-Leistungs-Verhältnis“ (= Preis-Gewinn-Verhältnis) für die Person individuell stimmt.

Denn schauen wir uns die gegenteilige Lebensweise mal an. In der man sich nicht zufrieden gibt mit einem „okayen“ Leben in der eigenen Komfortzone. In der man seine wahren Wünsche, Ziele und Träume verfolgt.
Fangen wir hier mal mit dem Preis an – was „zahlt“ man für diese Lebensweise? Mit Unsicherheit und Ängsten umgehen zu müssen. Mutig sein zu müssen. Eventuell gegen andere Meinungen und lieb gemeinte Ratschläge handeln zu müssen. Vielleicht auch mal Rückschritte in Kauf nehmen müssen, bevor es wieder vorwärts geht.

ABER, und dieses ABER möchte ich so groß schreiben, wie es nur geht: Was ist schon dieser Preis im Vergleich zu den Gewinnen, die ihm gegenüber stehen? Wir haben hier ein sagenhaftes Preis-Leistungs-Verhältnis!
Mit einer solchen Lebensweise kann man so wahnsinnig viel gewinnen! Ein Leben, das so ist wie man es sich erträumt hat. Ein Leben, in dem man große Ziele erreicht, weil man sich große Ziele steckt. Ziele, die einem im Innersten erfüllen. Ziele, die für andere unerreichbar scheinen, weil sie sie als unerreichbar deklarieren. Wahnsinnige Glücksgefühle, weil man etwas erreicht hat, was man sich so sehr gewünscht hat. Gefühle des Stolzes, weil man allen Mut zusammengenommen hat und für etwas losgegangen ist, von dem man nicht wusste, ob man es schaffen würde – aber von dem man sich vorgenommen hat, DASS man es schafft.

Und vor allem: eine wahre, wirkliche, tief im inneren spürbare Zufriedenheit mit sich und seinem Leben. Weil man sich nicht mit etwas zufrieden gegeben hat, was nur „okay“ für einen selbst ist.

Und deshalb beantworte ich die Frage aus der Überschrift, „Sollten wir nicht auch mal zufrieden sein?“ ganz klar mit einem Nein. Dankbar sein für all das, was wir haben: Ja, unbedingt! (hierzu wird auch bald ein Blogartikel folgen)

Aber zufrieden sein mit etwas, was uns tief im Inneren nicht erfüllt: Definitiv nein.

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