Warum wir uns in der Krise nicht vergleichen sollten

Hattest du in den letzten Wochen schon mal das Gefühl, dass deine eigenen Gefühle in dieser Krise „nicht angemessen“ sind? Oder wurde es dir sogar von jemand anderem vermittelt? Dass du nicht traurig sein darfst, dass dein geplanter Kurzurlaub ausfallen muss? Dass du nicht enttäuscht sein darfst, dass deine Projekte, auf die du dich so gefreut hast, verschoben werden müssen? Dass du nicht müde und ausgelaugt sein darfst vom Home Office und gleichzeitiger Kinderbetreuung? Dass deine eigenen Gefühle nicht angemessen sind, weil andere es momentan SO VIEL SCHWERER haben als du? Die Krankenschwestern, Ärzte, Pfleger, die gerade ihr Äußerstes geben müssen. Diejenigen, deren Angehörige am Corona-Virus erkrankt sind. Diejenigen, die selbst krank sind und einsam auf einer Intensivstation liegen und leiden müssen.

Ich glaube, dass es momentan vielen Menschen so geht. Ich bekomme es mit, wenn ich Radio höre, wenn ich auf Instagram Posts zu der aktuellen Krisensituation lese, wenn ich Nachrichtenseiten besuche. Viele Leute schreiben, dass sie sich ja nicht beschweren dürften, weil es andere viel schlechter haben. Und das finde ich zunächst einmal gar nicht so falsch: Unreflektiertes Beschweren ist sicherlich keine gewinnbringende Aktivität; sie lenkt den Fokus auf das Negative und produziert damit negative Energie. Aber ich bin der Meinung, es gibt einen großen Unterschied zwischen „sich nicht beschweren“ und sich nicht erlauben, seine eigenen Gefühle zu fühlen. Und ich denke, viele Leute sind sich dieses Unterschieds nicht bewusst und versuchen, ihre eigenen Gefühle zu unterdrücken, weil sie glauben, dass diese nicht angemessen sein. Und noch schlimmer: Immer wieder höre ich auch Menschen darüber urteilen, ob jemand anderes nun zu Recht leidet, oder ob er übertreibt und seine Probleme, verglichen mit den Problemen anderer Menschen in dieser Krisensituation, ja überhaupt nicht erwähnenswert seien.

Das Ganze hat mich schon eine Weile beschäftigt, und vorgestern wurde ich dann zusätzlich inspiriert von der wundervollen Brené Brown in ihrer neuesten Podcastfolge. Dort geht es um „comparative suffering“, und dieser Begriff beschreibt es ganz treffend: Vergleichendes Leiden. Wir vergleichen uns ja ständig, und jetzt in der Krise sogar beim Grad des Leidens. Wer darf überhaupt leiden? Wessen Gründe sind legitim, und wer hat hingegen nur sogenannte Luxusprobleme?

Dabei ist dieses Vergleichen überhaupt nicht zielführend. Denn wie Brené Brown es so treffend erklärt: Die falsche Annahme dahinter ist, dass Empathie begrenzt ist. Und dass wir, wenn wir uns selbst gegenüber empathisch sind (und somit unsere Gefühle anerkennen), keine Empathie mehr übrig haben für die, die es noch viel schlimmer getroffen hat in dieser Krise. Und gerade diese Menschen brauchen doch unsere Empathie!

Aber es ist genau andersrum: Wenn ich mir erlaube, meine Gefühle anzuerkennen, zu fühlen und somit mir selbst gegenüber empathisch bin, dann wächst meine Empathiebereitschaft für andere Menschen. Denn Gefühle gehen nicht weg, nur weil wir uns nicht erlauben, sie zu fühlen. Wenn wir sie verleugnen, werden sie nur stärker und verfestigen sich, und noch dazu fangen wir an, uns dafür zu schämen. Und Scham wiederrum ist eine starke negative Emotion, die uns so sehr auf uns selbst fokussieren lässt, dass wir gar keine Kapazität mehr übrig haben, um empathisch auf andere Menschen zu reagieren.

Es funktioniert also genau andersrum, als wir uns das denken: Wenn ich mir meine eigenen Gefühle nicht erlaube, weil ich sie als nicht angemessen beurteile, dann habe ich auch nicht mehr genug Empathie für andere übrig. Es profitiert also niemand, im Gegenteil: Es verlieren alle!

Erlaube ich mir hingegen, meine Traurigkeit, meine Enttäuschung, meine Angst anzuerkennen, dann bin ich auch fähiger, Empathie für andere Menschen zu haben und kann letztlich mehr Liebe geben. Denn um Empathie für andere Menschen empfinden zu können, also ihre Gefühle nachvollziehen zu können, muss ich mit mir selbst und meinen eigenen Gefühlen verbunden sein. Ich muss verstehen können, wodurch ein solches Gefühl ausgelöst werden könnte und wie sich ein solches Gefühl anfühlen könnte.

Diese Gedanken von Brené Brown eröffnen eine ganz andere Perspektive auf den Umgang mit den eigenen Gefühlen in dieser Krise. Ist es nicht erleichternd, dass ich enttäuscht sein darf, weil die Kita meines Sohnes schließen musste, nur zwei Wochen nach seinem Kita-Start – und ich mich doch so sehr auf mehr Zeit für mein Coaching-Business gefreut hatte? Ich muss es mir nicht verbieten enttäuscht zu sein, nur weil andere ganz andere Probleme haben in der Krise.

Gleichzeitig ist es immer hilfreich, zu reflektieren und mithilfe der Empathie für andere Menschen auch eine andere Perspektive auf die eigenen Probleme einzunehmen. Denn dabei stelle ich fest, wie gut ich es trotz allem noch immer habe und entwickele fast automatisch Dankbarkeit für all das, was ich habe. Und diese Dankbarkeit hilft enorm, sich auch in der Krisensituation etwas besser, vielleicht sogar zufrieden zu fühlen.

Ich empfehle dir, einmal am Tag aktiv Dankbarkeit zu praktizieren, indem du dir all das vor Augen führst, was gerade gut ist in deinem Leben und was du zu schätzen weißt. Du kannst es mit geschlossenen Augen, z.B. beim Schlafengehen oder nach einer Meditation machen, oder du kannst die Dinge in ein schönes Notizbüchlein schreiben.

Ich bin, trotz geschlossener Kita, so dankbar dafür, dass ich entspannt und ohne externen Stress und Zeitdruck auf meinen Sohn aufpassen kann, weil ich momentan noch in Elternzeit bin. Und dass wir wegen des Home Offices meines Mannes jetzt täglich viel mehr Zeit als Familie zusammen verbringen können.

Und du? Wofür bist du dankbar?

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