Wer möchte ich sein in der Krise?

In den letzten Tagen frage ich mich verstärkt, wer ich sein möchte in der aktuellen Krise. Was macht die Krise mit mir – und gefällt mir das? Es ist Zeit für eine Reflektion.

Ich bemerke an mir seit ca. anderthalb Wochen – also seit durch die Kita- und Schulschließungen das Ausmaß der Corona-Krise den meisten Menschen und auch mir erst so richtig bewusst wurde – Verhaltensweisen, Gedanken und Gefühle, die mir nicht wirklich gefallen.

Dazu gehört zum Beispiel, dass ich in einem viel höheren Maß als sonst Nachrichten konsumiere. Zum einen habe ich das Radio fast den ganzen Tag an und bekomme so alle halbe Stunde einen aktuellen Nachrichtenüberblick präsentiert sowie viele kleine News-Schnipsel während der Moderationsphasen. Zum anderen öffne ich immer wieder zwischendurch tagesschau.de oder regionale Nachrichtenseiten. Einerseits finde ich es total wichtig, gut informiert zu sein, um mich an die wichtigen Regelungen und Empfehlungen zu halten. Andererseits merke ich, dass das Maß, in dem ich mir die Informationen zuführe, zu hoch ist. So höre ich fast alle halbe Stunde die gleichen News und es würde vermutlich reichen, einmal am Morgen und einmal am Abend die aktuellen Informationen abzurufen. Denn wozu führt dieser hohe Konsum an Nachrichten? Immer und immer wieder werde ich mit negativen Informationen konfrontiert, deren Neuigkeitsgehalt jedoch marginal ist. Die negativen Informationen erzeugen bei mir negative Gedanken und Gefühle, mit denen ich mich noch nach Ende des jeweiligen Nachrichtenkonsums beschäftige. Was bedeutet, dass ich mich lange Phasen des Tages in negativen Gefühlszuständen aufhalte.

Womit wir beim zweiten Punkt wären, der mir nicht gefällt: Ich rege mich auf, bin wütend auf Menschen, die den Ernst der Lage nicht verstehen (wollen) oder negieren. Die sich nicht an die Regeln und Empfehlungen halten und damit die Gesundheit anderer Menschen gefährden. Ich fühle mich hilflos und möchte etwas tun, möchte all diesen Menschen sagen, wie leichtsinnig deren Verhalten ist und wie wichtig es ist, dass ALLE mithelfen.

Dieser Punkt ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits finde ich es wichtig, dass viele Menschen in der aktuellen Phase auf die Wichtigkeit der Einhaltung dieser Regelungen hinweisen, um die „Ignoranten“ (so möchte ich sie an dieser Stelle nennen) eventuell doch noch zu erreichen und zur Vernunft zu bekehren. Andererseits verbringe ich dadurch lange Zeit in Gefühlszuständen, die mir nicht gut tun, und vor allem: die niemandem helfen. Eine von diesem Gefühlszustand motivierte Handlung, die evtl. positive Folgen hat, ist gut. Aber die ewigen Gedankenspiralen, in denen ich mich immer in den gleichen negativen Emotionen bewege, helfen niemandem und am wenigsten mir selbst. Im Gegenteil denke ich, dass die negative Energie, die ich damit unbewusst aussende, eher negative Folgen hat. Und ich gefalle mir einfach selbst so nicht. So möchte ich nicht sein.

Was also tun? Und: Wer möchte ich denn eigentlich sein in dieser Krise?

Die erste Frage ist leicht zu beantworten und theoretisch auch leicht umzusetzen. Weniger, dafür gezielter Nachrichten abrufen. Weniger soziale Medien nutzen, denn auch hier sehe ich innerliche Reaktionsmuster bei mir, die mir überhaupt nicht gefallen. Die Antwort ist also klar, und doch ist die Umsetzung schon etwas schwerer. Denn die Versuchung ist ja so groß, „nur mal eben“ die Nachrichtenseite zu öffnen, „nur mal eben“ Instagram zu checken. Doch es hilft mir nicht, das weiß ich. Gestern Abend habe ich in einem TED Talk von Lucy Hone von einer Frage erfahren, die einerseits so simpel und andererseits so kraftvoll ist.  Diese Frage kann man sich immer stellen, wenn man nicht sicher ist, ob das, was man gerade tut, richtig ist. Die Frage lautet: „Is what I am doing helping me or harming me?„. Hilft mir das, was ich tue – oder schadet es mir? Wenn man die Antwort auf diese Frage ernst nimmt und sich daran hält, dann hat das Stellen dieser Frage eine unglaubliche Kraft. Zukünftig werde ich mir immer, wenn ich wieder die Versuchung spüre, die Nachrichten oder Instagram zu öffnen, diese Frage stellen.

Die Frage, wer ich in der Krise sein möchte, ist vielschichtiger. Ja, ich möchte etwas Positives beisteuern. ABER ich möchte nicht jemand sein, der den Ernst der Lage negiert und nur mit rosaroter Brille „positive Vibes“ verbreitet. Davon sehe ich leider zu viele Beispiele in den sozialen Medien. Denn hier lauert ja wieder die Gefahr des Unterschätzens, was am Ende die Gesamtsituation nur noch verschärft. Ich möchte aktiv dazu beitragen, dass die Corona-Lage entschärft wird (auch wenn mein eigener Beitrag sehr klein sein wird gemessen am Gesamt-Ausmaß).

Ich möchte also meinen Fokus gezielt setzen und mich darauf konzentrieren, was ich beeinflussen kann. Deshalb sind mir im Laufe des gestrigen Tages folgende Erkenntnisse gekommen:
Ich möchte als Coach Menschen dabei helfen, mit ihrer persönlichen Krise, die durch die Corona-Situation verursacht wurde, konstruktiv umzugehen. Ich möchte ihnen Tools an die Hand geben, die ihnen dabei helfen können, mit ihren aktuellen Herausforderungen umzugehen, Resilienz zu entwickeln und somit aus ihrer Krise gestärkt hervorzugehen.
Resilienz ist die psychische Widerstandsfähigkeit, also die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen. Aber nicht nur das; resiliente Menschen schaffen es zudem, an Herausforderungen zu wachsen, indem sie auf ihre persönlichen und erlernten Ressourcen zurückgreifen. Das Thema Resilienz hat mich schon immer fasziniert, und jetzt in dieser außergewöhnlichen Situation, die so viele von uns vor so große Herausforderungen stellt, erst recht.

Das ist es also, was ich in der momentanen Situation beisteuern möchte. Es fühlt sich sehr gut und stimmig an! Und so merke ich mal wieder, wie hilfreich es ist, den Fokus bewusst zu setzen. Denn seit ich genau das getan habe, habe ich die Kontrolle über mein Leben ein Stück weit zurückgeholt (eben den Teil, den ich kontrollieren kann) und fühle mich so viel besser als vorher.
Und genau das möchte ich gerne auch anderen Menschen näherbringen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s