Was uns die Krise lehren kann

Ich lese momentan viel auf Instagram. Und viele Nachrichten. Ich glaube, dass es selten so wichtig war, gut informiert zu sein, wie in der aktuellen Phase. Daher die Nachrichten. Instagram ist eine andere Geschichte. Gefühlt verbringe ich dort momentan zu viel Zeit.

Warum mache ich es dann? Weil ich es spannend finde zu erfahren, wie andere Menschen die aktuelle Situation erleben. Was ihre Herausforderungen und Gedanken momentan sind.

Ich glaube, wir alle haben aktuell das Gefühl, dass uns die Kontrolle über unser Leben (ein bisschen oder sogar sehr) entgleitet. Und so ist es ja auch: Wann hatten wir jemals die Situation, dass wir nicht selbst entscheiden konnten, mit wem wir uns treffen, ob wir in ein Restaurant gehen, in den Urlaub fahren oder wie oft wir in den Supermarkt gehen? Die meisten von uns erleben das wahrscheinlich zum ersten Mal. Und es fühlt sich komisch an. Plötzlich ist die Freiheit, die bisher für die meisten von uns so selbstverständlich war, es nicht mehr. Und auf einmal schätzt man den Wert genau dieser Freiheit so viel höher ein. Obwohl man es schon so oft gehört hatte: Dass unsere Freiheit so ein Geschenk sei, so ein Privileg. Aber wie es immer so ist, man schätzt etwas erst so richtig, wenn es einem erst mal genommen wird. Diese Erkenntnis ist definitiv mit das Wichtigste, das ich aus dieser Situation mitnehmen werde.

Gleichzeitig finde ich es so interessant zu lesen, was für andere Menschen momentan die größte Herausforderung darstellt. Die Spannweite ist groß: Während die einen sich unglaublich schwer damit tun, nun mehr Zeit alleine zuhause verbringen zu müssen und anfangen, sich zu langweilen, haben andere die Herausforderung, die Vereinbarkeit von Job und Familie mit nun zuhause zu betreuenden Kindern weiterhin sicherzustellen. Und viele weitere Menschen fürchten gar um ihre Existenz, weil sie aufgrund der aktuellen Einschränkungen ihren Laden schließen müssen, keine Veranstaltungen mehr durchführen dürfen oder einfach die Nachfrage ein- oder ganz weggebrochen ist. Und der momentan wichtigsten Gruppe in unserer Bevölkerung stehen die größten Herausforderungen noch bevor: Sobald die Infektionszahlen ansteigen, werden sie rund um die Uhr im Einsatz und gefordert sein, bis zur Erschöpfung, mit kaum Zeit zu Erholung.

Und genau deshalb finde ich es so spannend, mehr aus dem Leben der anderen Menschen zu hören. Denn sobald ich mir vor Augen führe, welchen Herausforderungen sich viele andere Menschen aktuell zu stellen haben, kommen mir meine eigenen „Probleme“ in der Krisenzeit nur noch halb so schlimm vor. Und es stellen sich fast automatisch Demut und Dankbarkeit ein.

So habe ich noch vor wenigen Tagen darüber gejammert , dass die Kita für 5 Wochen schließt: Ausgerechnet JETZT, wo mein Sohn doch gerade erst 2 Wochen dort war und gerade halbwegs eingewöhnt war, ich die ersten paar Tage mit 4 bis 5 Stunden Zeit „für mich“ und meine berufliche Projekte erleben durfte, ausgerechnet JETZT schließt die Kita und ich muss den Aufbau meines Coaching-Business weiter auf unbestimmte Zeit verschieben – nachdem ich doch schon 12 Monate mit Hummeln im Hintern darauf warte, endlich loslegen zu können!

Heute sehe ich das nicht mehr so. Ich habe mich – nach der ersten herben Enttäuschung – arrangiert mit der Situation. Wir sind kreativ geworden in der Familie und haben ein Modell ausgearbeitet, dass mir trotz Kita-Wegfall zumindest ein paar Stündchen Zeit am Tag gibt, um etwas für meine beruflichen Projekte zu tun. Natürlich längst nicht so viel Zeit, wie ich es mit Kita-Betreuung hätte und längst nicht so viel Zeit, um wirklich viel voranzubringen – aber immerhin etwas Zeit.

Und ich habe verstanden, und zwar mit dem Herzen verstanden, dass mein Problem wahrlich ein Luxusproblem in der aktuellen Zeit ist. Ich weiß zu schätzen, dass wir gerade nicht kämpfen müssen, um unsere Existenzgrundlage sicherzustellen. Wir müssen uns nicht in das Auge des Hurrikans begeben und bis zur Erschöpfung arbeiten. Wir haben im Gegenteil sogar das Privileg, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Denn mein Mann arbeitet im Home Office und so sehen wir drei uns mehr, als in normalen Arbeitswochen.

Dennoch kann ich übrigens dem nicht zustimmen, was ich momentan sehr viel auf Instagram als gutgemeinte „Tipps für die Krise“ lese: Dass man nun mehr Zeit für die Dinge hat, die man eh schon lange mal tun wollte: persönliche Weiterbildungen, Bücher lesen, Entrümpeln, Meditieren etc. Ich empfinde solche Tipps schon fast ein wenig wie Hohn und ich denke, hier werden mir die meisten Eltern zustimmen, die nun den lieben langen Tag ihre Kinder zuhause betreuen dürfen. Ich glaube, so etwas können nur Leute schreiben, die keine Kinder haben – aber ich verzeihe es ihnen, ich war ja auch mal eine von ihnen 😉

Aber deshalb, genau deshalb, ist es ja so hilfreich, dass so viele unterschiedliche Menschen ihre aktuellen Erfahrungen und Herausforderungen teilen. Denn so kann man sich bei einigen von ihnen schließlich wiederfinden. Und merkt, dass man nicht alleine mit seinen Herausforderungen ist, dass wir in einem Boot sitzen. Dass es in Ordnung ist, mit der aktuellen Situation auch mal zu hadern. Und gleichzeitig wird einem klar, dass es so viel gibt, für das man dankbar sein kann. Und empfindet vielleicht sogar etwas Demut, wenn man versteht, wie gut man selbst es doch eigentlich hat.

Ich finde, das ist es, was einem diese Krise jetzt schon gelehrt hat: Dass wir dankbar sein können für so vieles in unserem Leben, das uns bislang selbstverständlich vorkam. Und Dankbarkeit ist ja bekanntlich DER Schlüssel für ein glückliches und zufriedenes Leben.

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