Die Angst vor den Bewertungen anderer

Es ist schon verrückt, wie viel uns die Meinung und die Bewertung anderer Menschen bedeutet.

Auch wenn wir gerne so tun, als wäre dem nicht so. Als würden wir einfach so sein, wie wir sind, und das machen, was wir machen wollen – egal, was die anderen sagen. Liest man ja oft, auch bei Instagram und Co. – frei nach dem Motto „Mir doch egal, was ihr denkt“. Tatsache ist aber, dass den meisten von uns das nicht wirklich gelingt. Viel zu oft denken wir darüber nach, was andere von uns denken, wenn wir etwas tun oder sagen oder anziehen (oder posten). Dahinter steht oft eine große Angst – die Angst, nicht gemocht zu werden, abgewertet zu werden.

Und das ist erst einmal normal: Wir sind soziale Wesen und evolutionär gesehen war es für uns überlebenswichtig, Teil einer Gruppe zu sein. In der Steinzeit wären wir gestorben, wenn wir alleine zurückgeblieben wären; nur im Schutz der Gruppe waren wir sicher vor all den Gefahren, die in der Natur so lauerten. Dementsprechend waren wir darauf angewiesen, dass uns die anderen mögen.

Und auch heute ist es natürlich immer noch schön, gemocht zu werden; Teil einer Gruppe zu sein. Es fühlt sich einfach nicht gut an, wenn man das Gefühl hat, dass jemand oder gar mehrere Personen einer Gruppe einen nicht mögen. Von daher ist an dem Wunsch, nicht abgewertet zu werden, ja auch erst einmal nichts falsch.

Wer sind wir eigentlich wirklich?

Das Perfide ist nur, dass wir so damit beschäftigt sind, zu überlegen bzw. vorherzusagen, was andere über uns denken könnten, dass viele von uns gar nicht mehr genau wissen, was sie SELBST eigentlich wollen oder denken. Zu laut sind die Stimmen im Kopf, die unsere eigenen Gedanken, Wünsche und Träume schon im Moment ihres Anfluges be- bzw. verurteilen. Und so verstummen mit der Zeit diese Gedanken, diese Wünsche und Träume. Und irgendwann wissen wir nicht mehr, was jetzt eigentlich UNSERE Meinung, unser Wunsch, unser Traum ist. Stattdessen sind wir gut darin, uns glauben zu machen, dass wir doch diesen Job, dieses Kleid, diesen Urlaub wollen. Weil wir auf das hören, was „die anderen“ sagen. Weil wir glauben, dass dies der „gesellschaftlich anerkannte“ Weg sei. Weil wir damit nicht anecken.

Bis wir irgendwann feststellen: Das bin ja gar nicht mehr ICH. Das sind ja gar nicht mehr meine Wünsche. EIGENTLICH würde ich ja gerne diesen oder jenen Job machen – aber das geht doch nicht. Da nimmt mich doch keiner mehr ernst. Da verliere ich ja die Anerkennung, die ich mit meinem jetzigen Job habe.

Doch das Bewusstwerden darüber, dass wir SELBST eigentlich eine andere Vorstellung haben, ist der erste Schritt in Richtung eines Lebens, das uns erfüllt, weil es UNS entspricht. Es braucht dann natürlich Arbeit, um zu lernen, für seinen eigenen Weg einzustehen, trotz eventuellem Gegenwind und trotz der Angst, dass man von anderen abgewertet werden könnte.

Was hilft gegen die Angst vor der Abwertung anderer?

Sobald man sich klar macht, dass man am Ende seines Lebens nicht auf sein Leben zurückschauen und sagen wird „Gut, dass ich immer alles so gemacht habe, wie es von mir erwartet wurde“, sondern im Zweifel tief bereuen wird, dass man nicht für seinen eigenen Weg eingestanden ist – ab dem Moment fällt es einem ein bisschen leichter, die eigenen Wünsche und Vorhaben umzusetzen.

Oftmals GLAUBEN wir nur, dass andere uns abwerten würden. Wir projizieren etwas in andere hinein und halten uns damit von unserem Weg ab. Tatsächlich aber erfahren wir oft unerwartet viel Zuspruch, sobald wir unser eigenes „Ding“ durchziehen. Denn das erfordert Mut und dementsprechend bewundern es viele. Noch dazu geht es den meisten ja so wie uns: Eigentlich würden sie ja gerne ihren eigenen Weg gehen, haben aber Angst vor Ablehnung. Deshalb freuen sie sich zu sehen, dass jemand anderes dies tut – und sehen es als Inspiration für ihr eigenes Leben an.

Was aber, wenn uns andere Menschen wirklich abwerten?

Hier hilft vor allem, sich zu fragen: Wie schlimm wäre das denn wirklich? Was ist denn der Preis, den ich zu zahlen bereit bin für die Anerkennung anderer? Möchte ich wirklich meine eigenen Ziele bzw. Träume verkaufen? Denn nichts anderes ist es ja: Ich kaufe mir die Anerkennung anderer, indem ich Dinge tue, die die „anderen“ erwarten – und meine eigenen Wünsche ignoriere. Oder anders gefragt: Ist die Belohnung, die ich dadurch erhalte, dass ich meinen eigenen Weg gehe, nicht mehr wert als das, was ich dafür zahlen muss (d.h. die Abwertung durch andere)?

Natürlich ist es viel leichter, diese Fragen in der Theorie zu beantworten, als dann in der Praxis wirklich über den Dingen zu stehen. Es ist einfach kein schönes Gefühl, wenn wir als Person oder für Dinge, die wir tun, abgewertet werden. Dennoch empfehle ich, sich die Antworten auf die obigen Fragen immer wieder vor Augen zu führen. Das alleine gibt einem enorme Kraft, sich wieder auf den eigenen Weg zu besinnen.

Moralischer Support für den eigenen Weg

Und zu guter Letzt kann man sich moralischen Support suchen. Ein Coaching kann auf jeden Fall helfen, sich darüber klar zu werden, was man wirklich möchte – und wie man seinen Weg gehen kann. Mit einem Coach als Partner auf Augenhöhe, der nicht bewertet und bei dem man sich traut, all das auszusprechen, was einen beschäftigt.

Ein erster Schritt kann aber auch das Lesen eines guten Buches sein, das sich mit genau diesem Thema befasst. Absolut bestärkend, inspirierend und Kraft gebend ist „The Gifts of Imperfection“ (Die Gaben der Unvollkommenheit) von Brené Brown. Sie geht auf den Konflikt zwischen Authentizität und Akzeptanz/Anerkennung ein, sowie auf den so wichtigen Unterschied zwischen „Belonging“ und „Fitting in“. Mit zwei tollen Zitaten, die einen Vorgeschmack auf dieses Buch geben, möchte ich diesen Artikel schließen:

„Authenticity is the daily practice of letting go of who we think we’re supposed to be and embracing who we are.“

„Belonging is the innate human desire to be part of something larger than us. Because this yearning is so primal, we often try to acquire it by fitting in and by seeking approval, which are not only hollow substitutes for belonging, but often barriers to it. Because true belonging only happens when we present our authentic, imperfect selves to the world, our sense of belonging can never be greater than our level of self-acceptance.“

Brené Brown – The Gifts of Imperfection: Let Go of Who You Think You’re Suppoed to Be and Embrace Who You Are“

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