Das ständige schlechte Gewissen

Seit ich Mama bin, habe ich ständig ein schlechtes Gewissen. Wegen allem.

Zum Beispiel: Wenn ich meinem Kleinen gekaufte Gläschen-Mahlzeiten anbiete (obwohl ich auch oft selbst koche). Wenn ich ihn alleine spielen lasse (obwohl er sich super alleine beschäftigen kann, sich nicht beschwert und ich mehrfach gelesen habe, dass Kinder eigenständiges Spiel brauchen). Wenn ich diesen Blog hier schreibe (ich könnte ja auch den Haushalt machen, oder Yoga machen, oder kochen – siehe oben). Wenn ich Yoga mache (ich könnte ja auch den Haushalt machen, oder kochen, oder an meinem Blog schreiben). Wenn ich meinen Kleinen in den Sportsitz setze, weil er ja noch nicht sitzen kann (obwohl die meisten Kinder in seinem Alter darin sitzen).  Wenn ich mehr als einen Cappuccino am Tag trinke (obwohl ich bisher nicht gemerkt habe, dass ihn Koffein irgendwie beeinflussen würde). Wenn ich ungesundes Zeug esse (genau das könnte ja der Auslöser für seine Hautprobleme sein).

Und so weiter, und so fort. Ich sagte ja schon: Wegen ALLEM.

Die absurdesten Formen des schlechten Gewissens

Es läuft tatsächlich auf so absurde Formen des schlechten Gewissens hinaus, dass ich manchmal über mich selbst schmunzeln muss. Ein Beispiel gefällig?

Man hört ja immer wieder, dass Mütter sich auch Zeit für sich selbst nehmen sollen. Dazu habe auch ich ja schon einen Artikel geschrieben. Jedenfalls heißt es oft, Mütter würden sich viel zu sehr aufopfern und zu spät erkennen, dass sie sich dringend Zeit für sich selbst nehmen müssen. DAS löst in mir ein schlechtes Gewissen aus, denn ich merke es nicht zu spät. Ich opfere mich nicht bis zum Letzten auf, um dann erst in der absoluten Erschöpfung zu merken, dass ich auch Zeit für mich selbst brauche. Ich bin, glaube ich, ganz gut darin, dies rechtzeitig zu merken und mir meine Zeit zu nehmen. Ist es nicht absurd, dass ich deswegen ein schlechtes Gewissen habe? Weil ich nicht die total selbstlose Mama bin? Obwohl ja ganz klar gesagt wird, dass sich Mütter Zeit für sich selbst nehmen MÜSSEN. Wie gesagt, ich muss selbst drüber lachen. Aber ich denke es trotzdem immer wieder.

Mit kleinen Schritten: Was also tun gegen das schlechte Gewissen?

Ich glaube, ein wichtiger erster Schritt ist, anzuerkennen, dass das schlechte Gewissen zum Muttersein dazu gehört. Dass es jetzt ein ständiger Begleiter sein wird, diese kleine Biest; versteckt sitzend in der hintersten Ecke unserer Köpfe, aber immer auf der Lauer. Immer auf der Lauer, uns wieder einzureden, dass wir etwas falsch machen. Dass wir etwas anders machen sollten. Besser.

Der erste Schritt ist also, anzuerkennen, dass das ganz normal ist. Vor allem: Anerkennen und nicht blind bekämpfen.

What you resist, persists. So ist es ja auch mit der Angst. Wenn ich sie versuche zu bekämpfen, ist sie nur umso stärker da. Wichtiger ist es, sie anzunehmen und zu akzeptieren. Und dann trotzdem die Dinge zu tun, die einem Angst machen.

So ähnlich können wir es mit unserem schlechten Gewissen tun, wenn es sich mal wieder meldet.

Anerkennen, dass es da ist. Akzeptieren, dass es da ist. Und dann trotzdem weitermachen mit dem, was uns das schlechte Gewissen bereitet hat.

Annehmen und Wind aus den Segeln nehmen

Natürlich lohnt es sich auch, sich einmal näher mit den Gedanken zu befassen, die hier aufgekommen sind. Das ist ein Unterschied zum Bekämpfen. Bekämpfen würde bedeuten, ich ignoriere meine Gefühle, versuche sie nicht wahrzunehmen. Annehmen und sich damit befassen ist aber etwas anderes: Ich kann versuchen zu verstehen, welche Muster sich bei mir zeigen hinsichtlich des schlechten Gewissens. Wenn ich das einmal verstanden habe, fällt es mir beim nächsten „Schlechte-Gewissen-Anfall“ leichter, mit diesen Gedanken klarzukommen. Denn ich kann mir überlegen, welche Argumentation ich innerlich anwenden kann, um dem schlechten Gewissen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Das wären also die nächsten beiden Schritte: Muster verstehen und dem schlechten Gewissen den Wind aus den Segeln nehmen.

Achtung: Bei der Frage, ob das schlechte Gewissen vielleicht berechtigt ist, kommt man ganz leicht in einen Teufelskreis. Denn irgendjemand würde immer behaupten, dass man es falsch macht. Deshalb ist es umso wichtiger, bei diesen Überlegungen ganz bei sich selbst zu bleiben; in sich reinzuhören. Was fühlt sich für mich richtig an? Auch hier der eigenen Intuition vertrauen. Wir wissen eigentlich genau, was für uns und unsere Kinder gut ist. Wir können unsere Intuition nur nicht immer wahrnehmen, weil sie von den vielen, vielen Gedanken und den Einflüssen von außen überlagert wird.

Am wichtigsten ist es, der eigenen Intuition zu vertrauen

Als Beispiel: Wenn das schlechte Gewissen immer an mir nagt, sobald ich Gläschennahrung anbiete, kann ich mir folgendes überlegen: Dass ich mir überhaupt Gedanken darüber mache, ist per se gut, denn es zeigt, dass mir die gesunde Ernährung meines Kindes wichtig ist. Das ist ja nicht selbstverständlich! Zweitens ist aber Gläschen-Nahrung nicht unbedingt schlecht. Sie wird umfassend geprüft und enthält vermutlich immer noch ausreichend Vitamine und Nährstoffe. Drittens bin ich nicht die Einzige. Wieviele Mütter geben ihren Kindern Gläschen zu essen? Und viertens koche ich ja AUCH selbst. Halt nur zum Teil, aber immerhin.

Aber das wichtigste ist: Ich weiß es eigentlich. Ich weiß, dass es in Ordnung ist, dass ich zum Teil Gläschen gebe und zum Teil selbst koche. Weil es für mich nur so funktioniert. Ich könnte nicht immer selbst kochen, das würde ich nicht schaffen. Denn dann müsste ich andere Dinge vernachlässigen, die wichtig für mich sind.

Warum also kommt hier trotzdem ein schlechtes Gewissen auf? Weil sich im Mamasein der Perfektionismus nochmal potenziert, wenn man sowieso schon zum Perfektionismus neigt. Ist ja auch naheliegend: Für das eigene Kind möchte man alles so gut wie möglich machen. Aber die Frage ist doch: Gibt es nicht immer noch ein Besser? Und damit wäre auch klar: So gut wie möglich ist, wenn ich es so mache, wie es für MICH gut ist und funktioniert. Bei sich selbst bleiben ist gerade im Mamaleben so wichtig. Unsere Kinder spüren bestimmt, wenn wir etwas versuchen zu leben, das wir nicht sind. Und dann erleben sie nicht ihre Mama, sondern eine Mama, die einem Idealbild hinterherläuft. Das ist vermutlich für die Kinder nicht das Beste. Das Beste ist eine authentische Mama, die natürlich für ihr Kind das Beste möchte – aber nur so, dass es zu ihr und zu ihrem Kind passt.

Ich glaube, wenn man sich das verinnerlicht, dann hat man einen großen Schritt getan, um beim nächsten Schlechte-Gewissen-Anfall (der so oder so kommen wird) ruhig zu bleiben und seinen eigenen Weg zu gehen.

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